{"id":509,"date":"2020-09-14T13:52:40","date_gmt":"2020-09-14T13:52:40","guid":{"rendered":"http:\/\/commacct.uber.space\/?page_id=509"},"modified":"2020-09-14T14:13:44","modified_gmt":"2020-09-14T14:13:44","slug":"offene-brief","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/commacct.uber.space\/?page_id=509&lang=de","title":{"rendered":"Offene Brief"},"content":{"rendered":"\n<p>\/\/ Der folgende Brief wurde im Sommer 2015 in gedruckter Form an etwa 50 Personen in Birmingham verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>\/\/ Trigger Warnung: der folgende Abschnitt enth\u00e4lt explizite Verweise auf sexualisierte Gewalt<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Offener Brief von einer Betroffenen von sexualisierter Gewalt und ihrer Unterst\u00fctzungsgruppe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir schreiben diesen offenen Brief, um euch \u00fcber Erfahrungen von Vergewaltigung und sexuellen \u00dcbergriffen zu informieren, die sich in den linken politischen Kreisen in Birmingham ereignet haben. Unsere Ziele damit sind:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>der Person, die vergewaltigt wurde, eine Stimme zu geben<\/li><li>das Geschehene bekannt zu machen und offen \u00fcber sexualisierte Gewalt zu sprechen,<\/li><li>einen Prozess in Gang zu setzen, in dem die Strukturen, die die \u00dcbergriffe erm\u00f6glichten, diskutiert werden. In dem Mittel und Wege gefunden werden, um darauf zu reagieren &#8211; und es in Zukunft zu verhindern<\/li><li>eine unterst\u00fctzende Atmosph\u00e4re f\u00fcr alle Betroffenen sexualisierter Gewalt zu schaffen und<\/li><li>den T\u00e4ter dazu zu bringen, die Verantwortung f\u00fcr seine Taten zu \u00fcbernehmen und k\u00fcnftige \u00dcbergriffe zu verhindern.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wir sind eine Gruppe von Menschen, die aktiv wurden, als die betroffene Person beschloss, ihre Erfahrungen mit politischen und pers\u00f6nlichen Freund*innen zu teilen. Im Vorfeld gab es einen Fall von sexualisierter Gewalt, der in der linken Szene \u00f6ffentlich gemacht wurde. Die Reaktionen darauf haben der betroffenen Person das Vertrauen gegeben, offen \u00fcber ihre Erfahrungen sprechen zu k\u00f6nnen. Gemeinsam beschlossen wir, mehr Menschen \u00fcber die Gewalterfahrungen zu informieren. Dieser Brief ist das Ergebnis eines Aufarbeitungsprozesses, der eine kleinere Gruppe von Menschen in Birmingham und den T\u00e4ter involviert hat. Bitte lest diesen Brief und nehmt euch Zeit, dar\u00fcber nachzudenken. Diskutiert und teilt den Inhalt mit anderen Menschen aus euren politischen und sozialen Umfeld. Aber ver\u00f6ffentlicht diesen Brief oder seinen Inhalt nicht online. Teilt ihn nicht mit Menschen au\u00dferhalb der relevanten Kreise, oder mit Menschen, denen ihr nicht vertraut, entsprechend den Zielen des Briefes zu handeln. Unser Interesse gilt einer linken Szene in Birmingham, die in der Lage ist, einen emanzipatorischen Kampf in der Gesellschaft, aber auch mit sich selbst zu f\u00fchren. Eine allgemeine Richtlinie f\u00fcr das, was wir unter relevant verstehen, lautet: alle, die den T\u00e4ter oder die Person, die er vergewaltigt hat, kennen; Menschen, die in den sozialen und\/oder politischen Kreisen aktiv sind oder waren; oder Menschen, die daran interessiert sind, auf die gleichen Ziele wie die oben genannten hinzuarbeiten. Wir k\u00f6nnen und wollen dies nicht aus der Ferne auf individueller Ebene entscheiden und \u00fcberlassen dies daher euch. Wir m\u00f6chten auch, dass die Privatsph\u00e4re der betroffenen Person gesch\u00fctzt wird, indem die betroffene Person oder der T\u00e4ter nicht \u00f6ffentlich genannt werden. Zudem bitten wir, diesen Brief nicht ins Internet zu stellen und auch nicht auf Facebook \u00fcber die Vergewaltigung oder die beteiligten Personen zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Eine kurze Chronologie<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anfang 2012 vergewaltigte X, eine zentrale Figur in der linken Szene von Birmingham, seine damalige Freundin. Er missachtete und verletzte \u00fcber mehrere Monate hinweg kontinuierlich ihre sexuelle Selbstbestimmung. Er nutzte die Situation aus, dass sie nach einem Unfall, der ihre Mobilit\u00e4t \u00fcber Monate starke einschr\u00e4nkte, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen war. Um klar darzustellen, wie wir das Wort Vergewaltigung verwenden: X ignorierte ihre ausdr\u00fcckliche verbale Ablehnung sowie ihren k\u00f6rperlichen Widerstand gegen Sex mehrfach, als sie sich in der Reha von ihrem Unfall befand und \u00fcber den Sommer mit ihm zusammen lebte. Er wurde w\u00e4hrend der Beziehung damit konfrontiert, aber die Gewalt und die \u00dcbergriffe dauerten \u00fcber den Sommer an, bis sdie betroffene Person im Herbst 2012 aus Birmingham wegzog. Die Gewalt blieb unbemerkt und unerw\u00e4hnt, und ein Teil der Gr\u00fcnde, warum wir euch schreiben, ist, dass wir er\u00f6rtern wollen, welche Umst\u00e4nde dazu gef\u00fchrt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Unser Ansatz<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns ist es sehr wichtig, dass X nicht im Zentrum des (politischen) Aufarbeitungsprozesses steht. In Debatten \u00fcber sexualisierte Gewalt besteht die Tendenz, sich zu sehr auf die Frage zu konzentrieren, wie man mit dem T\u00e4ter umgeht. Dies kann unserer Meinung nach davon ablenken, sich um diejenigen zu k\u00fcmmern, die direkt oder indirekt von seinem Verhalten betroffen sind, und Unterst\u00fctzung f\u00fcreinander zu organisieren. Stattdessen denken wir, dass ein Prozess \u00fcber sexualisierte Gewalt die Perspektive der betroffenen Person einnehmen sollte. Das bedeutet f\u00fcr uns zu verstehen, dass Vergewaltigung oft eine individualisierte Erfahrung von Ohnmacht ist. Zudem, erschwert das Tabu rund um das Thema den Umgang mit dieser Erfahrung zus\u00e4tzlich, da es suggeriert, dass es sich um etwas handelt, f\u00fcr das man sich sch\u00e4men muss oder aber um etwas, f\u00fcr das es zu schwer ist, einen Umgang damit zu finden. Deshalb denken wir, dass die Ermutigung von Betroffenen, offen \u00fcber ihre Erfahrung zu sprechen, wenn sie das m\u00f6chten, sehr erm\u00e4chtigend sein kann und das deutlich macht, dass es sich nicht um ein individuelles Problem handelt; dass es nichts ist, wof\u00fcr man sich sch\u00e4men muss; und dass es etwas ist, f\u00fcr das sich Menschen engagieren wollen und k\u00f6nnen. Betroffene Personen zu empowern \u00fcber ihre Erfahrungen zu sprechen erm\u00f6glicht die Verantwortung daf\u00fcr zu teilen, eine Antwort auf diese Gewalttaten zu finden. Und damit die betroffene Person bei dem Versuch einen Umgang damit zu finden nicht allein zu lassen. Die Perspektive der betroffenen Person einzunehmen bedeutet f\u00fcr uns auch anzuerkennen, dass es in diesem, wie auch in vielen anderen F\u00e4llen, die betroffene Person ist, die sich schweigend aus dem politischen Engagement zur\u00fcckzieht, w\u00e4hrend der T\u00e4ter weiter aktiv bleibt. Wir sehen dies als einen der Gr\u00fcnde, warum Personen viel mehr \u00fcber die Wirkung besorgt sind, die eine offene Debatte auf den T\u00e4ter haben wird, anstatt zu fragen, welche Unterst\u00fctzung den Betroffenen oder anderen von sexualisierter Gewalt betroffenen Menschen angeboten werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Monaten des Aufarbeitungsprozesses reagierten viele Menschen zun\u00e4chst, indem sie ihre Bef\u00fcrchtungen zum Ausdruck brachten, dass es eine Hexenjagd gegen den T\u00e4ter geben w\u00fcrde, oder dass es zu einer Bestrafung und einem Shamings des T\u00e4ters kommen w\u00fcrde. Obwohl wir diese Bef\u00fcrchtungen im Allgemeinen teilen, sehen wir auch ein Problem darin, sie an eine betroffene Person zu richten, die ihre Vergewaltigungserfahrung \u00f6ffentlich macht. Erstens halten wir es f\u00fcr wichtig, diesen Brief und die Reaktionen darauf als eine Reaktion auf die Gewalt des T\u00e4ters zu sehen, und dass die Situation, mit der wir uns jetzt befassen m\u00fcssen, von ihm selbst geschaffen wurde und nicht von der Person, die dar\u00fcber offen spricht. Zweitens halten wir es f\u00fcr \u00e4u\u00dferst wichtig, dass jede*r, der*die von einem Fall sexualisierter Gewalt erf\u00e4hrt, selber die Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernimmt, wie er*sie auf diese Information reagiert. Das Schweigen einer betroffenen Person kann nicht die Bedingung f\u00fcr vern\u00fcnftiges Handeln sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben beschlossen, den Brief mit einem &#8220;X&#8221; statt mit dem Namen des T\u00e4ters zu schreiben, da wir sowohl die Identit\u00e4t der betroffenen Person als auch des T\u00e4ters vor der \u00d6ffentlichkeit, dem Internet und feindlichen Gruppen sch\u00fctzen wollen. Dennoch sind wir auch der Meinung, dass es gute Gr\u00fcnde gibt, den T\u00e4ter in Diskussionen zu benennen und zu identifizieren, und m\u00f6chten euch dazu ermutigen. Dies geschieht nicht, um ihn zu bestrafen oder zu shamen, sondern weil wir der Meinung sind, dass die Unaussprechbarkeit von Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt zu den Strukturen geh\u00f6rt, die es den Betroffenen unm\u00f6glich macht, dar\u00fcber zu sprechen, Hilfe zu suchen und aus ihrer Situation auszubrechen. Was f\u00fcr Betroffene relevant ist, gilt auch f\u00fcr Vergewaltiger: Wenn sie relativ sicher sein k\u00f6nnen, dass \u00fcber ihre Taten niemals \u00f6ffentlich gesprochen werden kann, k\u00f6nnen sie sich sicher und unhinterfragt f\u00fchlen. Dies zu \u00e4ndern scheint uns wichtiger zu sein als die Identit\u00e4t des T\u00e4ters vollst\u00e4ndig zu sch\u00fctzen. Es liegt an euch mit den Informationen \u00fcber die Gewalt des T\u00e4ters verantwortungsvoll umzugehen, so dass sich andere Betroffene ermutigt f\u00fchlen, in Zukunft \u00fcber ihre Erfahrungen zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir die Verantwortung f\u00fcr die Gewalttaten beim T\u00e4ter sehen, sind wir der Meinung, dass sich ein politischer Prozess rund um die Vergewaltigungen eher auf die Strukturen konzentrieren sollte, die dies erm\u00f6glichten, als darauf, den T\u00e4ter als Individuum zu bestrafen und\/oder zu rehabilitieren. F\u00fcr uns bedeutet dies, seine Gewalttaten nicht als individuelle Handlungen zu sehen, sondern sie mit seinem Verhalten im Allgemeinen zu verbinden und sie im Kontext der politischen Gruppen, in der er und die betroffene Person aktiv waren, und der Gesellschaft im weiteren Sinne, zu verstehen. Wir meinen, dass seine zentrale Rolle in der Gruppe ihm die M\u00f6glichkeit gab, unangefochten und unhinterfragt zu bleiben und dadurch sein \u00fcbergriffiges Verhalten zu normalisieren. Wir sehen interne Hierarchien, Autorit\u00e4t und Abh\u00e4ngigkeiten als relevante Faktoren f\u00fcr missbr\u00e4uchliches Verhalten sowohl in diesem Fall als auch in politischen Gruppen im Allgemeinen; und wir sind der Meinung, dass es eine breite Diskussion geben muss, die auch die Menschen \u201eam Rande\u201c unserer Gemeinschaften und Gruppen erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus unserer Sicht konnte X dar\u00fcber hinaus eine Kultur ausnutzen, in der das Politische und das Private getrennt gehalten werden, und in der es ungew\u00f6hnlich und m\u00fchevoll ist, um Hilfe zu bitten und f\u00fcreinander zu sorgen. Die Auseinandersetzung mit internen Machtstrukturen wurde als eine Ablenkung vom politischen Kampf der Gruppe gesehen, die eher an private Beziehungen delegiert werden sollte. \u00c4u\u00dferungen des T\u00e4ters, dass Sex mit seiner Freundin sein Selbstwertgef\u00fchl st\u00e4rke oder ihn &#8220;m\u00e4nnlicher f\u00fchlen&#8221; lasse, und seine Vorschl\u00e4ge, dass es ihre &#8220;neue Rolle&#8221; in der Bewegung nach ihrem Unfall sein k\u00f6nnte, ihn gesund zu halten, werfen Sexismusfragen in unseren Beziehungen und in der politischen Organisation auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Fall, \u00fcber den wir schreiben, f\u00fchlte sich die betroffene Person aufgrund des langen Krankenhausaufenthalts, der Reha danach und der eingeschr\u00e4nkten Mobilit\u00e4t w\u00e4hrend des Aufenthalts in Birmingham isoliert und vom T\u00e4ter abh\u00e4ngig. Wir haben beschlossen, euch dies mitzuteilen, um zu zeigen, wie andere Dimensionen der Unterdr\u00fcckung, wie z.B. der Behindertenfeindlichkeit, nicht ignoriert werden sollten, wenn sexualisierte Gewalt, Fragen von Zugang und selbstbestimmtes Verhalten in unseren politischen und sozialen Kontexten diskutiert werden. Trotz der Bedeutung der strukturellen Unterdr\u00fcckung wollen wir jedoch nicht das Profileng von Betroffenen f\u00f6rdern: Eine betroffene Person erf\u00e4hrt Gewalt, weil es einen T\u00e4ter gibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Der T\u00e4ter<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben einen gro\u00dfen Teil des Briefes eingef\u00fcgt, in dem er\u00f6rtert wird, wie unserer Meinung nach mit dem T\u00e4ter umgegangen werden sollte; dies bedeutet jedoch nicht, dass wir beabsichtigen, dies zu einem Diskussionsschwerpunkt zu machen. Vielmehr haben wir ihn hier aufgenommen, weil wir hoffen, dass er einige der Fragen beantwortet, die die Menschen m\u00f6glicherweise haben, und so die Zeit reduziert, die f\u00fcr dieses Thema in Treffen und Plena aufgewendet werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>X wurde sowohl w\u00e4hrend der Beziehung als auch danach mit seinem Verhalten konfrontiert, aber weigerte sich, sich mit seinen Taten sexualisierter Gewalt auseinanderzusetzen. Er suchte auch keine Hilfe, um das, was er getan hatte, aufzuarbeiten. Er engagierte sich weiterhin politisch und ging auch eine neue sexuelle Beziehung ein, was die Isolation und die Angst der betroffenen Person verst\u00e4rkte, anderen von ihren Erfahrungen zu erz\u00e4hlen. In den letzten 4 Monaten standen wir per E-Mail mit dem T\u00e4ter in Kontakt, um ihn zu fragen, was er in Bezug auf seine Handlungen reflektiert hat und welche Schritte er unternommen hat, um sich zu \u00e4ndern. Wir haben einige Forderungen an ihn formuliert, die wir f\u00fcr notwendig halten, damit er die Verantwortung f\u00fcr seine Taten \u00fcbernehmen kann;<\/p>\n\n\n\n<p>1. <em>Hilfe von Personen suchen, die seine Handlungen kritisch hinterfragen, um dadurch einen pers\u00f6nlichen Erinnerungs- und Reflexionsprozess anzusto\u00dfen, in dem er versteht, was er getan hat.&nbsp; Das Ziel soll es sein, dass er sich durch diesen Prozess \u00e4ndern kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir glauben, dass die Verantwortungs\u00fcbernahme f\u00fcr seine Handlungen voraussetzt, dass er sich an seine Gewalttaten erinnert und sie versteht. Deshalb haben wir von ihm verlangt &#8211; und ihm einige Kontaktinformationen zur Verf\u00fcgung gestellt -, kompetente und kritische Hilfe zu suchen, um mit ihm T\u00e4terarbeit zu machen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels behauptet er noch immer, sich nicht an seine Gewalttaten zu erinnern. In Anbetracht seiner Handlungen und des verbalen und physischen Widerstandes der betroffenen Person halten wir dies f\u00fcr sehr unwahrscheinlich und ansonsten f\u00fcr ein ernstes Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>2. <em>Jedes neue politische Umfeld und neue Sexualpartner*innen \u00fcber sein <\/em><em>gewaltaus\u00fcbendes<\/em><em> Verhalten informieren<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir glauben auch, dass ein T\u00e4ter die Verantwortung hat, seine Vergangenheit f\u00fcr die Menschen um ihn herum transparent zu machen. Das betrifft f\u00fcr uns alle zuk\u00fcnftigen Sexualpartner*innen, aber auch Menschen, mit denen er politisch zusammenarbeitet. Es geht hierbei nicht darum, ihn zu bestrafen, sondern darum, dass die Personen in seinem Umfeld &#8211; auf der Grundlage dieser Informationen und seiner Art, damit umzugehen &#8211; selbst entscheiden k\u00f6nnen, in welcher Weise sie ihm vertrauen. Da wir seine Gewalttaten nicht als Einzelereignisse sehen, sondern auch mit missbr\u00e4uchlichen Tendenzen in der Art und Weise, wie er Politik macht, verbunden sehen, und da wir ferner glauben, dass es seine zentrale Position innerhalb der politischen Gruppen war, die es ihm erm\u00f6glichte, damit durchzukommen, halten wir es f\u00fcr wichtig, dass die Menschen um ihn herum informiert werden, wenn er weiterhin politisch aktiv bleiben will. Dazu geh\u00f6ren nicht nur die &#8220;zentralen&#8221; Personen von politischen Gruppen, sondern vor allem diejenigen in weniger zentralen und m\u00e4chtigen Positionen, die nicht im Zentrum der Entscheidungen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>3. Uns und der Kontaktgruppe gegen\u00fcber rechenschaftspflichtig bleiben<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir halten es f\u00fcr wichtig, dass X nicht vor seiner Verantwortung davonlaufen kann, indem er die politische Gruppe, die Stadt oder die Freund*innen wechselt. Im Moment stehen wir mit ihm in Kontakt und werden dies auch in den n\u00e4chsten Monaten tun. Damit wollen wir erm\u00f6glichen, dass sich die Diskussionen in Birmingham nicht auf diese Aufgabe konzentrieren. F\u00fcr die Zukunft hoffen wir, in England eine Kontaktgruppe einzurichten, die die Schritte mit ihm diskutiert, die er als Antwort auf unsere Forderungen und dar\u00fcber hinaus unternimmt. Wir sind der Meinung, dass diese Gruppe von Personen gebildet werden sollte, die keine engen Freund*innen von X sind, die aber bereit sind, sich an diesem Prozess zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich wollen wir zu eurer pers\u00f6nlichen Beziehung zu X keine Stellung beziehen oder Urteile f\u00e4llen. Von unserer Seite aus sehen wir keine Notwendigkeit, dass jemand die Verbindung zu X politisch oder pers\u00f6nlich abbricht. Wir verstehen jedoch, dass einige Leute ihre eigenen guten Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben werden. Wir m\u00f6chten an dieser Stelle auch deutlich machen, dass wir die Entscheidung seiner jetzigen Freundin respektieren, in einer Beziehung mit ihm zu bleiben, und dass wir in den vergangenen Monaten auch mit ihr in Kontakt waren. W\u00e4hrend ihre Positionen innerhalb dieses politischen Prozesses nat\u00fcrlich nicht unumstritten sind, sind wir der Meinung, dass seine Freund*innen und insbesondere seine Partnerin nicht f\u00fcr ihre Beziehung zu X kritisiert werden sollten. Wir halten es f\u00fcr gut, wenn Menschen, die sich entscheiden mit dem T\u00e4ter in Kontakt zu bleiben, ihn mit seinen Taten konfrontieren und das Thema nicht aussparen. Gleichzeitig bitten wir euch, wenn ihr mit X sprecht, immer zu bedenken, dass das, was ihr h\u00f6rt, nur seine Perspektive ist. Wir bitten euch die Privatsph\u00e4re der Person, die er vergewaltigt hat, zu respektieren, indem ihr ihm nicht erlaubt, \u00fcber sie zu sprechen, sondern sich stattdessen auf sich konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ideen f\u00fcr den Prozess in Birmingham<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir oben bereits erw\u00e4hnt haben, glauben wir, dass sich ein Aufarbeitungsprozess in Birmingham idealerweise nicht auf X konzentrieren, sondern stattdessen die Perspektive der betroffenen Person einnehmen sollte. Der Prozess soll die Betroffenen unterst\u00fctzen und sich auf die strukturellen Bedingungen konzentrieren, die die Gewalt m\u00f6glich gemacht haben. Wir w\u00fcnschen uns einen offenen, unterst\u00fctzenden und reflektierenden Prozess \u00fcber die vorgefallenen Vergewaltigungen, \u00fcber gewaltf\u00f6rdernde Strukturen und dar\u00fcber, wie sie \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Wir m\u00f6chten die Situation in Birmingham so ver\u00e4ndern, dass die betroffene Person sich wohl f\u00fchlen kann, Birmingham zu besuchen, mit anderen frei \u00fcber das Geschehene zu sprechen und Unterst\u00fctzung statt Isolation zu finden. Dar\u00fcber hinaus hoffen wir auch, dass der Prozess rund um diesen einzelnen Fall allgemein dazu beitragen kann, k\u00fcnftige Muster von sexualisierter Gewalt aufzudecken und zu verhindern. Wir hoffen, eine Kultur der kritischen Achtsamkeit \/ Awareness sowie unterst\u00fctzende und empowernde Strukturen f\u00fcr Betroffene von sexualisierter Gewalt zu schaffen, anstelle von Tabus, Schweigen und der Erwartungshaltung, diese Probleme individuell statt kollektiv anzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Ziele zu erreichen ist es unserer Meinung nach wichtig, sich auf die Organisation eines kollektiven Prozesses in Birmingham zu konzentrieren, bei dem sich der*die Einzelne nicht hilflos, frustriert oder \u00fcberfordert f\u00fchlt, eine Antwort auf all dies zu finden. Ein solcher Prozess k\u00f6nnte sicherlich viele Formen annehmen. Als ersten Schritt schlagen wir vor ein Treffen abzuhalten, um den Brief im Detail durchzusprechen, Fragen zu kl\u00e4ren oder aufzuwerfen und sich auf weitere Treffen und Schritte zu einigen, die ihr unternehmen wollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinsichtlich der langfristigen Ziele dieses Aufarbeitungsprozesses gibt es unserer Meinung nach (mindestens) drei zentrale Fragen, die in Birmingham diskutiert werden sollten;<\/p>\n\n\n\n<p><em>1. Welche Faktoren im sozialen und politischen Kontext unterst\u00fctzen \u00fcbergriffiges und gewaltvolles Verhalten?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>2. Welche Faktoren hindern die Betroffenen daran, ihre Erfahrungen zu teilen, um Unterst\u00fctzung zu bitten oder die bedrohliche Situation zu verlassen, in der sie sich befinden?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>3. Welche Strukturen m\u00fcssen aufgebaut werden, um zuk\u00fcnftige Vorf\u00e4lle sexualisierter Gewalt zu verhindern und um Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, zu unterst\u00fctzen und <\/em><em>zu empowern<\/em><em>?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir denken, dass es sehr hilfreich w\u00e4re, einen Rahmen anzubieten, in dem Menschen, die sich weiter mit dem Thema besch\u00e4ftigen wollen, dies tun k\u00f6nnen. So soll die Awareness in der Birminghamer Szene nachhaltig gest\u00e4rkt werden; in Bezug auf Fragen von Macht, Gewalt und Abh\u00e4ngigkeitsstrukturen und wie diesen kollektiv begegnet werden kann. Diskutiert werden k\u00f6nnte z.B., wie eine ansprechbare Struktur geschaffen werden kann, an die sich Betroffene wenden k\u00f6nnen; mit welchen Dynamiken Betroffene konfrontiert werden, wenn sie anfangen, \u00fcber ihre Erfahrungen sexualisierter Gewalt zu sprechen; wie hierarchische Strukturen in der Gruppe transparent gemacht und abgebaut werden k\u00f6nnen; wie mit Abh\u00e4ngigkeiten kollektiv umgegangen werden kann oder was Menschen helfen k\u00f6nnte, Gewalt zu bemerken und nach ihr zu fragen. Dies ist jedoch nur eine Liste von Themen, die wir uns \u00fcberlegt haben, ohne die aktuelle Situation in Birmingham zu kennen. Deshalb hoffen wir, dass ihr sie aus eurer eigenen Perspektive und Erfahrung anpasst und erg\u00e4nzt. Wir sind uns bewusst, dass dies f\u00fcr viele ein sehr herausforderndes Thema ist und m\u00f6chten darauf hinweisen, dass es oft n\u00fctzlich sein kann, externe Unterst\u00fctzung (z.B. in Form von Workshops oder Trainings) von Menschen zu bekommen, die mehr Erfahrung damit haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn wir selbst keine Hauptakteur*innen des Prozesses in Birmingham werden wollen, w\u00fcrden&nbsp; wir gerne \u00fcber die Geschehnisse auf dem Laufenden gehalten werden. Wir w\u00fcrden uns freuen, wenn ihr uns eine kurze Zusammenfassung eurer Treffen zukommen lassen k\u00f6nnt. Unsere Gruppe wird bis zum Ende des Jahres regelm\u00e4\u00dfig (alle 2-3 Wochen) zusammenkommen, und wir sind gerne bereit, in dieser Zeit Fragen zu beantworten oder zu versuchen, Ratschl\u00e4ge und Empfehlungen zu geben. Auch wenn wir nach 2015 vielleicht nicht mehr in der Lage sein werden, auf E-Mails zu antworten, werden wir sie dennoch lesen und vielleicht eine Zusammenfassung dar\u00fcber verfassen, wie wir die Reaktionen erlebt haben. Ihr k\u00f6nnt uns \u00fcber diese E-Mail-Adresse erreichen: against_rape@riseup.net. Wir k\u00f6nnen auch private Nachrichten vertraulich an die betroffene Person weiterleiten, wenn ihr dies in eurer E-Mail deutlich macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\/\/ Der folgende Brief wurde im Sommer 2015 in gedruckter Form an etwa 50 Personen in Birmingham verteilt. \/\/ Trigger Warnung: der folgende Abschnitt enth\u00e4lt explizite Verweise auf sexualisierte Gewalt Offener Brief von einer Betroffenen von sexualisierter Gewalt und ihrer Unterst\u00fctzungsgruppe Wir schreiben diesen offenen Brief, um euch \u00fcber Erfahrungen von Vergewaltigung und sexuellen \u00dcbergriffen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/509"}],"collection":[{"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=509"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/509\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":517,"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/509\/revisions\/517"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/commacct.uber.space\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}