{"id":505,"date":"2020-09-14T13:19:32","date_gmt":"2020-09-14T13:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/commacct.uber.space\/?p=505"},"modified":"2020-09-14T18:24:22","modified_gmt":"2020-09-14T18:24:22","slug":"ein-personliches-fazit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/commacct.uber.space\/?p=505&lang=de","title":{"rendered":"Ein pers\u00f6nliches Fazit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>2020, fast 8 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal von meinem ehemaligen Freund vergewaltigt wurde und 5 Jahre, nachdem ich das durch das Schreiben des offenen Briefes \u00f6ffentlich gemacht habe, m\u00f6chte ich zusammenfassen, was ich aus demAufarbeitungssprozess, den ich initiiert habe, mitgenommen habe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Es ist wichtig, dass und wie Menschen \u00fcber sexualisierte Gewalt sprechen<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund, warum ich \u00fcber meine Vergewaltigungserfahrungen gesprochen habe, war, dass jemand anders es getan hatte. Der Brief einer Person, die ihre Erfahrungen von sexualisierter Gewalt ver\u00f6ffentlichte, \u00f6ffnete mir einen Raum in dem ich \u00fcber Fragen sprechen konnte, die mich besch\u00e4ftigten, ohne sie aus dem Nichts selbst aufwerfen zu m\u00fcssen. Der Brief l\u00f6ste in der linken Szene eine Debatte aus, die mir einen Ausweg aus dem Schweigen und der Isolation bot, in der ich mich selbst gefangen sah. Die offene und unterst\u00fctzende Positionierung meiner politischen Organisation gegen\u00fcber Betroffenen sexualisierter Gewalt und meine Mitbewohner*innen, die antisexistische B\u00fccher zu diesem Thema lasen, gaben mir schlie\u00dflich das Selbstvertrauen mich zu \u00f6ffnen und meine Erfahrungen zu teilen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Schuldzuweisung: in Frage gestellt und zum Schweigen gebracht werden<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnde, warum die Leute meinten, ich solle nicht offen \u00fcber meine Erfahrungen sprechen, waren vielseitig, aber fast alle waren auf die eine oder andere Weise anschuldigend. Die Leute stellten meine Erfahrungen ebenso in Frage wie meine Absichten meine Erfahrungen zu thematisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige meinten, ich sei auf einem pers\u00f6nlichen Rachefeldzug und unf\u00e4hig, rational zu denken. Einige meinten, sexualisierte Gewalt sei eine Privatangelegenheit und sollte nicht so viel Raum und Zeit in Anspruch nehmen. Andere (oder manchmal dieselben Personen) waren besorgt, dass die Thematisierung den sozialen oder politischen Zusammenhalt zerst\u00f6ren k\u00f6nnte, und wieder andere \u00e4u\u00dferten Bedenken \u00fcber die negativen Folgen, die ein offener Brief f\u00fcr den T\u00e4ter, sein Umfeld und die allgemeine linke Szene sowie f\u00fcr andere Betroffene haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt der Tatsache, dass mein Ex-Freund mich vergewaltigt hatte, wurde die Tatsache, dass ich die Vergewaltigung thematisierte, zum Problem gemacht und als Bedrohung empfunden. Das ist absurd. All diese verschiedenen Formen der Delegitimierung der einfachen Handlung, einen Brief zu schreiben, lie\u00dfen mich erkennen, dass die Angst das Schweigen um meine Erfahrungen zu brechen, nicht irrational gewesen war. Ich konnte all die guten Gr\u00fcnde sehen, warum ich es nicht schon fr\u00fcher getan hatte. Die Betonung im offenen Brief Betroffenen dabei zu unterst\u00fctzen das Wort zu ergreifen, sollte anerkennen, wie schwer dies sein kann und dass ich diese Zeit nicht durchgestanden h\u00e4tte, wenn ich nicht die Unterst\u00fctzung gehabt h\u00e4tte, die ich hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Solidarit\u00e4t braucht Mut und Parteilichkeit<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als wir den Brief fertig geschrieben hatten, waren nur zwei von neun Personen in Birmingham bereit, ihn zu verteilen. Zu diesem Zeitpunkt nahm das Schweigen eine sehr praktische Form an. Einige wollten den Brief nicht verteilen, weil sie keine Zeit daf\u00fcr fanden, andere, weil sie sich \u00fcberfordert f\u00fchlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die meisten Menschen weigerten sich, den Brief auszuh\u00e4ndigen, weil sie mit seinem Inhalt und seiner Verteilung nicht einverstanden waren. Sie stellten klar, dass diejenigen, die den Brief in meinem Namen aush\u00e4ndigen w\u00fcrden, daf\u00fcr kritisiert und f\u00fcr alle negativen Auswirkungen verantwortlich gemacht werden w\u00fcrden, die dies auf das Wohlergehen einer einzelnen Person oder der gesamten Gruppe haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Druck wirkte zum Schutz des T\u00e4ters und der Machtstrukturen, die sein Verhalten unterst\u00fctzt und aufrechterhalten hatten. Bis heute bin ich diesen beiden Menschen und allen, die sich entschlossen haben, ihnen zu helfen und seither Teil des Prozesses zu sein, unendlich dankbar, dass sie den Mut hatten, das durchzuziehen. Und dies trotz der Feindseligkeit, mit der sie konfrontiert waren, und trotz der Unsicherheit, die sie vielleicht selbst empfunden haben. Es war nicht leicht, mich in diesem Prozess und den damit verbundenen Konflikten zu unterst\u00fctzen. Es erforderte nicht nur viel Zeit und Energie, sondern auch, dass die Menschen ihre eigene soziale Stabilit\u00e4t riskierten, indem sie sich f\u00fcr jemand anderen einsetzten. Das war das st\u00e4rkste Gef\u00fchl der Solidarit\u00e4t, das ich je erlebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Ein kollektive Aufarbeitungsprozess h\u00e4ngt von der Bereitschaft der Gemeinschaft ab, diese Verantwortung auch zu \u00fcbernehmen<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin nicht zur Polizei gegangen, weil ich kein Vertrauen in die Justiz hatte einen guten Umgang mit meinen Erfahrungen zu finden und weil ich glaubte, dass eine linke Szene einen T\u00e4ter sexualisierter Gewalt besser zur Verantwortung ziehen k\u00f6nnte. Ehrlich gesagt, das ist gescheitert, und es ist frustrierend zu wissen, dass er von Menschen umgeben ist, die zwar von dem offenen Brief und den Forderungen an ihn wissen, aber kein Problem darin sehen, dass er weiterhin Politik macht ohnedaf\u00fcr in irgendeiner Art Verantwortung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin jedoch froh, dass wir von Anfang an beschlossen hatten, dass dieser Aufarbeitungsprozess nicht um den T\u00e4ter, sondern um uns geht. Der Prozess in Birmingham und die Reflexionen, die sie geschrieben haben, haben mir geholfen, meine eigenen Erfahrungen zu validieren und zu kontextualisieren. Dadurch, dass sie meine Erfahrungen als ein politisches Thema und nicht als ein pers\u00f6nliches Problem behandelt habe, hat es nicht nur mir, sondern auch anderen gezeigt, dass sexualisierte Gewalt ernst genommen wird und die Betroffenen Unterst\u00fctzung erwarten k\u00f6nnen, statt zum Schweigen gebracht und angezweifelt zu werden. Und trotz der mangelnden Kooperationsbereitschaft des T\u00e4ters hat mir der Aufbau einer Kontaktgruppe und das Informieren seiner Umgebung erm\u00f6glicht, das falsche Verantwortungsgef\u00fchl, das ich bez\u00fcglich seiner Handlungen empfunden habe, aufzugeben und mit meinem eigenen Leben weiterzumachen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Ein schlechtes Gewissen hilft niemandem<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Schlussfolgerung liest sich bisher vielleicht so, als ob es gute und schlechte Menschen gibt, und in der Tat, entweder man stellt sich auf die Seite einer betroffenen Person oder nicht. Es gibt kein Dazwischen und keine Neutralit\u00e4t. Aber Menschen machen Fehler, und Menschen k\u00f6nnen lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das soll nicht hei\u00dfen, dass die Betroffenen mit all dem Mist, mit dem sie konfrontiert werden, vergebend sein m\u00fcssen. Aber an die Menschen, die zu der H\u00f6lle beitragen, die die Betroffenen durchmachen: seid nicht zu stolz eure Fehler einzugestehen und tut beim n\u00e4chsten Mal das Richtige.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich gibt es auch Menschen, die einfach nicht wissen, was sie tun sollen. Viele Leute haben mich gemieden, nachdem ich angefangen habe, \u00fcber meine Erfahrungen zu sprechen, weil sie unsicher waren und\/oder ein schlechtes Gewissen hatten, weil sie mich nicht (genug) unterst\u00fctzt haben. Das gilt sowohl f\u00fcr Menschen in meiner derzeitigen politischen Organisation als auch f\u00fcr Menschen, die unz\u00e4hlige Stunden in diesen Prozess investiert haben. Und es hat die Situation f\u00fcr mich sehr viel schlimmer gemacht, weil es unangenehm ist, gemieden zu werden, wenn man gerade etwas so Intimes geteilt hat, und es ist anstrengend, immer diejenige zu sein, die auf die Menschen zugeht und ihnen ein Gef\u00fchl der Sicherheit vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nie viel von den Menschen erwartet, aber die Unsicherheit und die Schuldgef\u00fchle, die die Menschen hatten, hinderten sie daran, das zu tun, was f\u00fcr mich damals so wertvoll gewesen w\u00e4re: ihre Solidarit\u00e4t auszudr\u00fccken. Die wenigen E-Mails, die ich als Antwort auf den offenen Brief erhalten habe, geh\u00f6ren f\u00fcr mich zu den ermutigendsten Momenten in diesem Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist keine \u00dcbertreibung, wenn ich sage, dass dieser Aufarbeitungsprozess mein Leben ver\u00e4ndert hat. Ich f\u00fchle keine Scham und keine Schuldgef\u00fchle mehr, weil ich eine Betroffene sexualisierter Gewalt geworden bin, und durch diesen Prozess habe ich wieder ein Gef\u00fchl der Handlungsf\u00e4higkeit im Umgang mit dieser Gewalt zur\u00fcckgewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hat mich bef\u00e4higt, \u00fcber das Geheimnis zu sprechen, das mich auf Distanz zu alten und neuen Freund*innen gehalten hat und das eine unbeschreibliche Isolation und Einsamkeit f\u00fcr mich erzeugt hat.\u00a0Er hat mich auf die reaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte aufmerksam gemacht, die keine Einbildung von betroffenen Personen sind, und hat mich in die Lage versetzt, zu diesem Thema politisch aktiv zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Solidarit\u00e4t, die ich w\u00e4hrend dieser ganzen Zeit gesp\u00fcrt habe, hat es mir erm\u00f6glicht, weiterhin linke Politik zu machen, und hat mir ein Gef\u00fchl des Vertrauens und der Hoffnung zur\u00fcckgegeben, dass dies etwas ist, wof\u00fcr es sich zu k\u00e4mpfen lohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2020, fast 8 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal von meinem ehemaligen Freund vergewaltigt wurde und 5 Jahre, nachdem ich das durch das Schreiben des offenen Briefes \u00f6ffentlich gemacht habe, m\u00f6chte ich zusammenfassen, was ich aus demAufarbeitungssprozess, den ich initiiert habe, mitgenommen habe. 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